GENOMFORSCHUNG beim Hund

 Im Dezember 2005 erfuhren wir aus der Weltpresse, dass es Wissentschaftlern gelungen sei, das Erbgut des Haushundes vollständig zu entschlüsseln unter Leitung des "Broad Institute oft MIT and Harvard in Cambridge", in Massachusetts, USA (Broad Project). Somit war das Genom des Hundes, die Chromosomen mit den in ihnen lokalisierten Genen, vollständig dekodiert.

  Fortan bestehen Möglichkeiten in der Forschung, u.a. Einblicke in die Evolution der ca. 350 Huderassen zu erhalten und ihre genetische Verwandschaft zu verstehen. Auch ist durch die Entschlüsselung des Genoms ein Weg geebnet für die Forschung zu neuen Erkenntnissen über Krankheiten. Hierzu ein Auszug aus einem 2006 veröffentlichten Artikel von H. Funk (http://shiba-dog.de/genom-deu.htm):

  Es sind mehrere hundert Erbkrankheiten bekannt, die beim Menschen und beim Hund gemeinsam auftreten. Zu den häufigsten gemeinsamen Krankheiten gehören Krebs, Epilepsie, Allergien, Immunschwäche-Krankheiten (z.B. Hautkrankheiten wie Sebaceous Adenitis - seit kurzem beim Akita verbreitet), Blindheit, Taubheit, Grauer Star (Katarakt) und Herzkrankheiten. Neben diesen bei Mensch und Hund weitverbreiteten Erbkrankheiten gibt es auch weniger häufige Krankheiten, die nur bei einzelnen Rassen in Erscheinung getreten sind. So ist ein bestimmter erblicher Nierenkrebs bisher nur beim Deutschen Schäferhund aufgetreten...Begünstigt wurden Erbkrankheiten beim Hund außer durch ... Bottleneck-Situationen durch Zuchtregulationen ("Standards") wie zum Beispiel das "Reinrassigkeitsgebot" (erstmals im 19. Jahrhundert formuliert als "Breed Barrier Rule"). Der Preis für die Vielfalt der modernen Rassen durch selektives Züchten ist die Konservierung bestimmter Erbmerkmale, durch die auch negative Anlagen und Mutationen tradiert werden

. Im Extremfall wird sogar ein Erbfehler zur Norm erhoben, zum Beispiel die Haarlosigkeit bei den Nackthunden. Die Erforschung und Identifizierung von Gendefekten, die Mensch und Hund gemeinsam haben, war das eigentliche Ziel des Broad-Projekts. Schon jetzt gibt es eine Reihe von sog. Genkarten ("gene maps"), in denen bekannte Krankheitsgene bei Hunden verzeichnet und klassifiziert sind. Daneben gibt es an der Universität von Cambridge in England ein Projetk mit Namen IDID (Inherited Diseases In Dogs), in dem viele Erbkrankheiten samt Fachliteratur verzeichnet sind. ... Die Erforschung von Erbkrankheiten beim Hund dient sehr oft als Modell für die Erforschung derselben Krankheit beim Menschen. Die Wissenschaftler des Broad-Projekts sind zuversichtlich, das auf der Grundlage der jetzt dekodierten DNA bald weitere Studien mit neuen Erkenntnissen veröffentlicht werden. Damit wird die Diagnose und Therapie erhebliche Fortschritte machen und es können verbesserte Zuchtprogramme ausgearbeitet werden."

 Wie sieht es derzeit aus, gut sechs Jahre nach der bahnbrechenden Hunde-Genom-Dekodierung? Forschungsinstitue, an Universitäten oder kommerzielle, haben in den vergangenen Jahren innovatibe genetische Untersuchungsmethoden entwickelt und auch zukünftig werden weitere DNA Tests zu erwarten sein

 Fakt ist, dass DNA forschung und DNA Test-Vermarktung mittlerweile zu einem lukrativen Geschäft geworden sind. Hieraus resultiert ein harter Wettbewerb um Fördermittel, Spenden und - um Blut. Das Blut erkrankter und gesunder oder krankheitsunauffälliger Hunde ist für DNA-Forschungslabore zur unentbehrlichen Basis geworden und damit zu ungeahnten wertvollem Gut! Blut ist Gold wert!

 Auch um Blutproben von Border Terriern wird bereits seit Jahren gebeten, in der Vergangenheit von der Universität Utrecht in den Niederlanden; seit 2010 von einer finnischen Forschergruppe an der Universität in Helsinki (http://koirangeenit.fi/in-english/participate/), für ein Foschungsvorhaben zur "Identifizierung von Epilepsie-Mutationen aus den assoziierten Loci von Net-Generation Resequenzierung". Eine Kurzbeschreibung dieses Forschungsauftrages ist auf der Seite des amerikanischen Kennel Clubs Canine Health Foundation unter http://www.akcchf.org/research/funded-research/1425.html  zu finden.

 Über den jetzigen Stand der DNA-Test-Forschung gibt Dr. Cathryn Mellersh, Canine Genetics, Animal Health Trust, Suffolk, UK, in ihrem Artikel von November 2011 sehr anschaulich Auskunft (http://www.springerlink.com/content/g0434425nv0314g0). Sie schreibt (übersetzt vom englischen Original): "dass zur Zeit ca. 80 verschiedene DNA Tests für erblich bedingte Krankheiten beim Haushund zur Verfügung stehen und erwartet eine drastische Zunahme dieser Tests in den kommenden Jahren. Auch der Druck der Medien mit Focus auf reinrassige Haushunde lässt Tierärzte und Hundezüchter zunehmend auf DNA Tests zugreifen um die Gesundheit ihrer Hunde zu sichern. Es liegt jedoch letztendlich in der Verantwortung der Wissenschaftler, kranheitsassoziierte genetische Varianten zu indentifizieren und dann sinnvoll zu entscheiden, welche Entdeckungen zur Entwicklung für kommerziell erhältliche DNA-Tests für den Laien Hundezüchter geeignet sind, der eine Ausgewogenheit finden muss zwischen der Notwendikeit einer besseren genetischen Gesundheit seiner Rasse und gleichzeitig den Erhalt der genetischen Vielfalt." Im weiteren Verlauf des Artikels schreibt C,. Mellersh, "es ist erwähnenswert, dass sobald über eine Mutatuion in der wissenschaftlichen Literatur berichtet wurde, es kaum eine Möglichkeit gibt, kommerzielle Einrichtung zu stoppen einen Gentest für diesen veroffentlichten Befund zu entwickeln; oft ungeachtet der Meinung des Wissenschaftlers, welcher die Entdeckung machte."

 In ihrer Zusammenfassung schreibt C. Mellersh, "Genetische Werkzeuge zur Sezierung des Hundegenoms werden anspruchsvoller und die Anzahl der krankheits-assoziierten genetischen Varianten, die in den nächsten Jahren noch identifiziert werden, wird zweilfellos drastisch ansteigen. Diese Mutationen bilden die Grundlage, für wertvolle Tools, die Hundebesitzer und Züchter nur zu gern nutzen werden, um ... Erbkrankheiten aus ihren geliebten Rassen zu eliminieren. Um aber der Offentlichkeit das Vertrauen in diese neuen Werkzeuge weiterhin zu erhalten, müssen Wissenschaftler verantwortliche Hüter ihrer Ergebnisse sein. Sie sollten dem kommerziellen Markt nur dann DNA-Tests zur Verfügung stellen, wenn diese durch gradlinige, transparente, benutzerfreundliche und wissenschaftliche Beratung begleitet werden, um so Krankheitsfrequenzen zu reduzieren ohne dabei die genetische Vielfalt unnötigerweise einzuschränken."

 Bereits jetzt gibt es eine beachtliche Anzahl gesunderhaltungsrelevanter DNA Tests, die bei einigen Rassen schon zum Einsatz kommen als Hilfsmittel für die Zucht. Doch für den seriösen Züchter elementar sind nach wie vor ein fundiertes kynologisches und rassespezifisches Wissen sowie bei der Zuchtplanung umfassende Ahnen-Kenntnisse, züchterisches Gespür und ein Erfahrungsschatz, von dem Neuzüchter mit ernsthaftem Interesse sicherlich partizipieren können.

 Wissenschaftler der Genomforschung berichten über Teilerfolge und kündigen für die nächsten Jahre weitere Ergebnisse aus der Molekulargenetik an. Sicherlich ist es eine wissenschaftliche Herausforderung dem Ursprung multifaktoriell bedingter Erkrankungen bei Hunden auf die Spur zu kommen. So wird vermutet, dass die meisten Erbkrankheiten Resultat vieler Faktoren sind sie Mutatuionen in mehreren Genen, auch rezessiven Genen, die über Generationen verdeckt bleiben aber auch Umwelteinflüsse und Stressfaktoren, Strahlung, chemisch Einflüsse etc.

Von Forschungseinrichtungen werden nun dringend Ergebnisse erwartet um kommerziell nutzbare DNA Testverfahren zu entwickeln und zu vermarkten. Die zu erwartende Lukrativität erhöht den Wettbewerbs- und Zeitdruck und, wie bereits erwähnt, die elementare Nachfrage nach Blut.

Für die Hundewelt bleibt nur inständig zu hoffen, dass DNA-Tests zur Verfügung stehen und zukünftig stehen werden, die sinnvoll geeignet sind, ganz im Sinne von C. Mellersh, die genetische Gesundheit der Rassen zu verbessern bei gleichzeitigem Erhalt der genetischen Vielfalt - und mit dem tatsächlichen Ziel, ausschließlich das Wohlergehen unserer Hunde im Focus zu haben.

Ulrike Ellis